Flensburger Dunkel: Lummerig, launig, legendär
Freitag vor der Kieler Woche. Während anderswo hektisch die letzten Dosenpaletten gestapelt werden, wissen die Flensburger, dass es Wichtigeres gibt als den Blick nach Kiel: nämlich den Blick auf die eigene Förde – und auf ein Ereignis, das mehr ist als nur eine Regatta. Flensburger Dunkel. Ja, das Bier spielt eine Rolle. Aber eigentlich geht es um viel mehr: um Reinsegeln, um Dunkelheit, um Überraschungen – und um das ehrliche Glück, wenn kleine Boote groß rauskommen.
Denn das ist das eigentliche Geheimnis dieses Abends: Es ist fast immer das Fest der Kleinen. Die dürfen früher los, beim traditionsreichen Kängurustart. Um Punkt 18:00 Uhr schießt das erste Schiff über die Linie, irgendwann gegen 19:25 das rechnerisch schnellste. Danach beginnt die große Jagd – und die letzte Stunde wird zuverlässig zur engsten des Abends. Auf dem Wasser. Und manchmal auch in den Nerven.
Die Wetterfrösche hatten das passende Vorwort geliefert: „lummerig“. Passender kann man den Abend nicht beschreiben. Anfangs häufig schwachwindig, später vielleicht dicke Luft. Prognose: bis zu 8 Beaufort. Realität: später ja – aber die acht waren dann eher eine optimistische Zahl.
Während draußen auf See von uns glücklicherweise keiner mehr segelte, hatten die Retter in Langballigau nachts ordentlich zu tun. Sirenen gingen auch an Land mehrfach. Da waren wir allerdings schon längst wieder drin: nachgegrillt, abgetrocknet, in Kojen oder im Bett zu Hause. Fast alle. Einer unserer Gäste aus der Innenförde kämpfte sich nach der Siegerehrung noch solo und mit den letzten 5 Litern unter Diesel heimwärts gegen den Wind. Glücklicherweise stand am seine Frau am Steg bereit. Festmacherleine annehmen, aufatmen, Ende gut. Puh.
Und wir war es jetzt auf der Bahn? Nun ja – dies ist, zugegeben, die Perspektive eines Spätstarters. Also eher Boot kennenlernen als taktisches Meisterwerk.
Von Langballigau ging es zunächst entspannt nach Brunsnæs: Downwind, Sonne im Gesicht, Segeln wie im Prospekt. Dann Richtung Bockholmwik: Spi hoch, bei gutem Mittelwind Kotzgrenze ausreizen, wie es sich gehört.
Wer später kam, hatte es schwerer. Vor dem Hafen von Bockholmwik Halse, etwas weniger spitz – Kurs Café Drei. Die berühmte „Schwiegermutter“ wurde danach selbstverständlich nicht ausgelassen. Keine Förderegatta ohne sie.
Innenförde bedeutet traditionell: Hoffen, Tasten, Zweifeln. Unter dänischer Küste? Sieht nach Parkplatz aus. Also rüber Richtung Methmanns Villa – das Wasser kräuselte verheißungsvoll. Und erstmals dieses Jahr…seit drei Stunden: ein funktionierendes Echolot! Bei 2,75 Tiefgang hier jetzt ganz hilfreich.
Rechtzeitig Richtung Dalsgaard gelegt – und da rauscht sie an: eine J/109 mit schweinchenpinkem Gennaker, Schaum vorm Bug, stehende Peilung. Ende des bis dahin tapfer verteidigten Vorsprungs. Vor Dalsgaard dann doch noch einmal durchgesetzt, das übliche Abdeckspiel, ein paar mehr rote Quadratmeter helfen.
Bei Rinkenæs der Knick nach Schausende – „liegt die Tonne da überhaupt?“ fragte Hildburg am Nachmittag noch. Sie lag und das hat sie natürlich auch vorher abgesichert. Hier ging es rückwärts und wieder raus aus der Förde. Also vorsichtig zurück über Schiedenkind zur Tonne 8. Backbord liegen lassen, sagt die Bahnkarte. Für leichte Boote ein Anlieger. Für Tiefgangboote eine kräftige Banane und später spitz. Sehr spitz.
Dann das fiese Stück: grüne Tonne vor Egernsund. Flaute. Unser dicker Popo klebte fest im Wasser. Machtlos zuzusehen, wie selbst die letzten Verfolger sich vorbeischlängeln – seglerische Demut in Reinform.
Nur „Circus“ marschierte da durch, als hätte jemand für sie exklusiv den Wind eingeschaltet. Familiencrew, private Böe, beeindruckender Auftritt.
Ab hier wurde es zum J/109-Duell. Team Fahrensodde hielt sich zunächst vornehm zurück, doch auf der Flauenkreuz war Schluss mit höflich. Handbremse gelöst, es wurde gearbeitet und Uwe hatte das Nachsehen.
Irgendwann trugen auch wir unsere Kilos nach Nejsmølle und fielen ab Richtung Bockholmwik – letztes Leefass.
Versuch mit Genua, Außenschot – naja. Nebenan wieder der pinke Spi von Uwe, allerdings auch erkennbar kein Wundermittel. Schließlich der Entschluss: Leutnant, Tod sind wir sonst sowieso! Unser kleiner A3 kam hoch – und siehe da: Er zog. Ordentlich sogar. Man fragt sich manchmal, warum man solche Ideen nicht früher hat.
Auf der Zielkreuz ging dann noch etwas: einsammeln, aufholen, Schadensbegrenzung betreiben. Und vorne? Da wartete „Koralle“ als erste im Ziel – und musste bleiben. Denn beim Kängurustart gilt: Wer zuerst durchs Ziel geht, hat gewonnen. Punkt. Zur Belohnung darf man da bleiben und die Zieldurchgänge bis zum letzten aufschreiben. 2. Platz hat da auch seine Vorteile 😉 ORC 5, kurze Bahn, Koralle mal wieder vorne. Das ist die Dehler 31, eine Leichtwindrakete, aber eben auch erfahren gesegelt.
Es geht durchs Ziel. Segel einpacken. Bei uns geht auch der Motor wieder auf die westeuropäische Weise über die Motorelektroinik an. Ab nach L.A., leicht fröstelnd. Und dann, plötzlich, in der Hafeneinfahrt: Sauna. Als hätte jemand die globale Erwärmung kurzzeitig lokalisiert und genau hier angeschaltet. Warm, windstill, surreal.
Perfekt für das traditionelle Nachtgrillen. Alle satt, alle zufrieden – und die letzten konnten das aufziehende Gewitter bequem von der Clubhausterrasse aus bestaunen.
Die Siegerliste? Ebenfalls ein Klassiker:
Ganz vorne wieder einer, der das kann wie kaum ein anderer:
Calle Strömer (Irk Boockhoff) – lebendiger Beweis, dass auch „ältere“ Boote vorne mitspielen können. Dahinter „Fru Antje“ (Holger Jacobs/ Sven Fischer), die Bretterkiste mit Tempo. Und – für den Unterzeichner mit gemischten Gefühlen – auf Platz 3: Xirasol (Serjo Bender), eine unter anderem Namen ehedem bekannte X-332 aus Langballigau, die ausgiebig ihren Code 0 spazieren fuhr.
In den Gruppen:
ORC 1: „Circus“ vor den beiden J/109 von Timo Erps und Uwe Berthold.
ORC 2: Hinter der X-332 folgen „Kleines Haijaijai“ (Martin Lausen) und unsere freunde aus Bockholmwik „Fillipa“ (Jörg Mikoleit).
ORC 3: Nach „Fru Antje“ kam „Scandale“ (Carsten Reckweg) und „Pur Elle“ (Holger Elle) ins Ziel.
ORC 4: Hinter Calle Strömer „LaFe“ (Dirk Landfester) und „Charlotte“ (Ruben Worm).
ORC Express (mit Asyl für Spaekhugger): Explode4us/ Rainer Koch dominiert bei den Express, gefolgt von Ernst Kern („HermitdemschönenLeben“ – vermutlich ohne Funkgerät, aber mit Stil) und der Neuzugang Huggeren, ein Spaekhugger (Uli Dehn).
ORC 5/ Kurze Bahn: Nach „Koralle“ zeigen „Ghislaine“ (Roy Weissneberger) und „Obsession“ (Ralf Masorsky), was geht.
Besonders erwähnenswert: Stefan Voß, der nach Mastbruch nicht teilnehmen konnte, dafür aber mit dem RIB gefühlt überall gleichzeitig war und Hauke Bunks mit seinem Kameraequipment dahin brachte, wo die Sonne gut stand und die Perspektiven gut waren. Spektakuläre Bilder, dichter dran geht nicht. Ein bisschen Herzklopfen inklusive.
Und schließlich: Danke an Wettfahrtleiterin Hildburg Finkler, die mit kluger Bahnlegung nicht nur für spannende Rennen, sondern auch für erstklassige Fotomotive sorgte.
Zum Schluss bleibt nur eines:
Danke fürs Lesen der Regattaberichte aus diesem Blickwinkel. Nach rund 20 Jahren ist diese Perspektive jetzt ausgeschrieben.
Jochen-P. Kunze
Bilder: Thx to Hauke Bunks
Yachtclub Langballigau e.V.